Es gibt Ecken in der Türkei, die selbst erfahrene Türkei-Reisende kaum auf dem Schirm haben. Mersin und Tarsus gehören definitiv dazu. Während sich die meisten Urlauber an der türkischen Riviera zwischen Antalya und Alanya tummeln, schlummert weiter östlich ein wahrer Schatz an Geschichte, Kultur und atemberaubender Natur. Und genau dorthin nehme ich dich heute mit.
Als ich das erste Mal in die Region rund um Mersin gereist bin, hatte ich ehrlich gesagt gar nicht so viel erwartet. Eine Hafenstadt halt, dachte ich. Aber dann hat mich die Gegend komplett überrascht: eine Burg, die mitten im Meer steht, Höhlen, die nach Himmel und Hölle benannt sind, und eine Stadt, in der Kleopatra höchstpersönlich durch ein Tor geschritten sein soll. Und? Habe ich dich neugierig gemacht?
Mersin: Die unterschätzte Hafenstadt am Mittelmeer
Mersin ist mit über einer Million Einwohnern eine der größten Städte an der türkischen Mittelmeerküste und gleichzeitig eine der am wenigsten touristisch erschlossenen. Genau das macht sie so besonders. Hier erlebst du die Türkei authentisch, ohne die üblichen Touristenfallen. Die Stadt ist ein wichtiger Handelshafen und Wirtschaftszentrum, aber sie hat auch eine wunderschöne Seite, die viele übersehen.
Die Uferpromenade und der Atatürk-Park
Lass mich dir verraten, was du in Mersin auf keinen Fall verpassen solltest: die wunderschöne Uferpromenade. Der Atatürk-Park erstreckt sich über mehrere Kilometer direkt am Meer entlang und ist der perfekte Ort für einen entspannten Spaziergang bei Sonnenuntergang. Hier treffen sich Einheimische zum Picknicken, Joggen oder einfach nur, um das Meeresleben zu genießen. Die Atmosphäre ist herrlich ungezwungen und du merkst sofort, dass du hier nicht in einer typischen Touristenstadt bist.
Entlang der Promenade findest du zahlreiche kleine Restaurants und Cafés, in denen du frischen Fisch und Meze genießen kannst. Die türkische Küche zeigt sich hier von ihrer besten Seite, besonders wenn es um Meeresfrüchtegerichte geht.
Der Hafen von Mersin
Der Hafen von Mersin ist einer der größten und wichtigsten Häfen der Türkei. Auch wenn er primär ein Handelshafen ist, lohnt sich ein Blick auf das geschäftige Treiben. Von hier aus kannst du übrigens auch Fähren in Richtung Nordzypern nehmen, falls du deinen Trip erweitern möchtest.
Yumuktepe: Wo die Geschichte beginnt
Mitten in Mersin liegt Yumuktepe, einer der ältesten Siedlungshügel der Welt. Archäologen haben hier Spuren menschlicher Besiedlung gefunden, die bis in die Jungsteinzeit zurückreichen. Wilder Weizen, Linsen und Steinwerkzeuge wurden hier ausgegraben. Das ist nicht nur ein Hügel, es ist ein Fenster in die Anfänge der menschlichen Zivilisation. Heute ist die Ausgrabungsstätte frei zugänglich und ein faszinierender Zwischenstopp.
Tarsus: Auf den Spuren von Kleopatra und Paulus
Nur etwa 30 Kilometer östlich von Mersin liegt Tarsus, eine Stadt, die vor historischer Bedeutung nur so strotzt. Vorab lass gesagt sein, dass Tarsus eine jener Städte ist, bei denen du mit jedem Schritt buchstäblich über Jahrtausende Geschichte läufst. Hier wurde der Apostel Paulus geboren, hier soll Kleopatra den römischen Feldherrn Marcus Antonius getroffen haben, und hier findest du eine der charmantesten Altstädte der Region.
Das Kleopatra-Tor (Kleopatra Kapisi)
Das berühmte Kleopatra-Tor steht auf einer begrünten Verkehrsinsel mitten in der Hauptstraße von Tarsus. Der Legende nach soll Kleopatra durch dieses Tor in die Stadt eingezogen sein, um Marcus Antonius zu treffen. Historisch gesehen wurde das Tor allerdings erst einige Jahrhunderte später errichtet, aber das tut der Romantik keinen Abbruch. Es ist ein wunderbares Fotomotiv und ein Symbol für die lange Geschichte dieser Stadt.
Der Paulus-Brunnen (Sempol Kuyusu)
Für geschichtsinteressierte Reisende ist der Paulus-Brunnen ein absolutes Muss. An dieser Stelle soll einst das Geburtshaus des Apostels Paulus gestanden haben. Auch wenn das historisch nicht eindeutig belegt ist, ist der antike Ziehbrunnen ein beeindruckendes Denkmal und ein wichtiger Pilgerort für Christen aus aller Welt. Die ruhige Atmosphäre rund um den Brunnen lädt zum Innehalten und Nachdenken ein.
Die Ulu-Cami (Große Moschee)
Die Ulu-Cami in Tarsus ist eine dreischiffige Moschee, die auf den Grundmauern einer ehemaligen Kirche errichtet wurde. Dieses Bauwerk zeigt eindrucksvoll, wie verschiedene Kulturen und Religionen in der Türkei über die Jahrhunderte hinweg ihre Spuren hinterlassen haben. Die Architektur ist faszinierend und verbindet Elemente aus unterschiedlichen Epochen miteinander.
Der Tarsus-Wasserfall (Tarsus Selalesi)
Der Tarsus-Wasserfall ist ein beliebtes Ausflugsziel, besonders bei Einheimischen. Rund um den Wasserfall gibt es gemütliche Restaurants, in denen du bei türkischem Tee und frischem Essen das Rauschen des Wassers genießen kannst. An heißen Sommertagen ist es hier angenehm kühl, und die grüne Umgebung bietet eine willkommene Abwechslung zur Hitze der Stadt. Wenn du mehr über die Nachbarstadt erfahren möchtest, schau dir unbedingt meinen Beitrag über die besten Sehenswürdigkeiten in Adana an.
Kizkalesi: Die Mädchenburg im Meer
Etwa 60 Kilometer westlich von Mersin liegt eines der spektakulärsten Fotomotive der gesamten türkischen Küste: Kizkalesi, die Mädchenburg. Diese byzantinische Festung steht rund 300 bis 600 Meter vom Strand entfernt auf einer kleinen Insel im Meer. Das Bild dieser Burg, die scheinbar aus dem türkisblauen Wasser auftaucht, ist absolut magisch.
Die Legende der Mädchenburg
Die Geschichte hinter der Burg ist mindestens genauso faszinierend wie ihr Anblick: Ein Sultan ließ seine Tochter auf dieser Insel verstecken, nachdem ihm prophezeit wurde, sie würde an einem Schlangenbiss sterben. Doch wie es in solchen Geschichten eben läuft, erfüllte sich die Prophezeiung trotzdem. Eine Schlange hatte sich in einem Früchtekorb versteckt, der zur Burg gebracht wurde. Tragisch und romantisch zugleich, genau wie so viele türkische Legenden.
Wie du zur Burg kommst
Du kannst die Mädchenburg entweder schwimmend oder mit einem Tretboot erreichen. Im Sommer bieten lokale Anbieter auch Bootsfahrten an. Am Strand gegenüber steht die Landburg Korykos, die Ruinen der antiken Stadt, die einst hier blühte. Ein Spaziergang durch diese Ruinen ist wie eine Zeitreise. Kizkalesi gehört definitiv auf die Liste der schönsten Orte in der Türkei.
Strände rund um Kizkalesi
Der Strand direkt vor der Mädchenburg ist ein wunderbarer Ort zum Baden. Das Wasser ist kristallklar und der Blick auf die Burg im Meer macht das Schwimmen hier zu einem ganz besonderen Erlebnis. Wenn du auf der Suche nach den schönsten Stränden bist, wirf auch einen Blick auf meinen Beitrag über die 7 besten Strände in der Türkei.
Cennet und Cehennem: Die Höhlen von Himmel und Hölle
Etwa zehn Kilometer westlich von Kizkalesi, nahe dem hübschen Fischerdorf Narlikuyu, findest du eine der faszinierendsten Naturattraktionen der gesamten Türkei: die Cennet ve Cehennem Magralari, die Höhlen von Himmel und Hölle. Das ist nicht nur ein cooler Name, es beschreibt tatsächlich zwei riesige Einsturzdolinen, die durch einen unterirdischen Fluss entstanden sind.
Cennet: Die Himmelshöhle
Die größere der beiden Dolinen, Cennet (Himmel), ist über 100 Meter tief und über eine Treppe mit 452 Stufen begehbar. Unten erwartet dich eine antike Kirche aus dem 5. Jahrhundert und eine Höhle, in der du das Rauschen eines unterirdischen Flusses hören kannst. Der Abstieg ist ein Abenteuer für sich, und die kühle Luft dort unten ist an heißen Tagen eine echte Wohltat.
Der Mythologie nach soll Zeus hier den Drachen Typhon eingesperrt haben. Ob du daran glaubst oder nicht, die Atmosphäre dort unten ist tatsächlich etwas mystisch.
Cehennem: Die Höllenhöhle
Die kleinere Doline Cehennem (Hölle) ist nicht begehbar und kann nur von oben betrachtet werden. Sie ist 128 Meter tief und ihr Anblick ist schon ziemlich beeindruckend. Man versteht sofort, warum die Menschen sie Hölle genannt haben: steil, dunkel und geheimnisvoll.
Narlikuyu: Der perfekte Zwischenstopp
Auf dem Weg zu den Höhlen solltest du unbedingt einen Stopp in Narlikuyu einlegen. Dieses kleine Fischerdorf ist bekannt für seine hervorragenden Fischrestaurants direkt am Wasser. Hier fließt eine Süßwasserquelle, die sogenannte Cennet-Quelle, direkt ins Meer. Die Mischung aus frischem Grundwasser und Meerwasser schafft eine ganz besondere Atmosphäre.
Weitere Highlights in der Region
Adamkayalar: In Fels gemeißelte Geschichte
Für abenteuerlustige Reisende ist Adamkayalar ein lohnenswertes Ziel. An einer Felswand wurden in der Antike menschliche Figuren und Tiere in den Stein gemeißelt: elf Männer, vier Frauen, zwei Kinder, ein Steinbock und ein Adler. Der Weg dorthin erfordert eine kleine Wanderung, aber die Belohnung ist ein einzigartiges archäologisches Erlebnis abseits der üblichen Pfade.
Bogsak-Bucht
Etwa 120 Kilometer vom Stadtzentrum Mersin entfernt liegt die Bogsak-Bucht, ein mit der Blauen Flagge ausgezeichneter Strand. Kristallklares Wasser, feiner Sand und seichtes, ruhiges Meer machen diesen Ort perfekt für Familien. Hier gibt es auch Campingmöglichkeiten für alle, die die Natur hautnah erleben möchten.
Praktische Tipps für deine Reise nach Mersin und Tarsus
Anreise
- Flughafen: Der nächste Flughafen ist Adana (etwa 70 km von Mersin entfernt). Von dort fahren regelmäßig Busse nach Mersin und Tarsus.
- Mietwagen: Wenn du flexibel sein möchtest, empfehle ich dir einen Mietwagen. So kannst du die vielen Sehenswürdigkeiten in der Umgebung bequem auf eigene Faust erkunden. Alles Wichtige dazu findest du in meinem Beitrag über das Autofahren in der Türkei.
- Dolmus: Von Mersin aus fahren regelmäßig Dolmus-Kleinbusse nach Kizkalesi und zu anderen Ausflugszielen in der Region.
Beste Reisezeit
Die Region Mersin hat ein typisches Mittelmeerklima mit heißen Sommern und milden Wintern. Für Sightseeing empfehle ich dir die Monate März bis Juni oder den Oktober, wenn die Temperaturen angenehm sind. Zum Baden eignen sich Juli bis September am besten, wobei es dann auch sehr heiß werden kann (bis zu 40 Grad). Mehr Details zur besten Reisezeit findest du in meinem Beitrag über das Reisewetter in der Türkei.
Unterkunft
In Mersin selbst findest du eine große Auswahl an Hotels in allen Preisklassen. In Kizkalesi gibt es mehrere gemütliche Hotels direkt am Meer, von denen du einen traumhaften Blick auf die Mädchenburg hast. Besonders empfehlenswert sind kleinere Pensionen und Boutique-Hotels, die oft ein persönlicheres Erlebnis bieten.
Kombinationstipp
Mersin und Tarsus lassen sich wunderbar mit einem Besuch in Adana oder Hatay/Antakya kombinieren. Alle drei Städte liegen relativ nah beieinander und bieten zusammen einen fantastischen Einblick in die vielfältige Kultur und Geschichte der südöstlichen Mittelmeerküste. Auch ein Abstecher nach Antalya in Richtung Westen ist möglich, wenn du mehr Zeit mitbringst.
Mein Fazit: Warum sich Mersin und Tarsus lohnen
Mersin und Tarsus sind genau die Art von Reisezielen, die ich auf meinem Blog am liebsten vorstelle: authentisch, überraschend und fernab des Massentourismus. Die Region bietet eine unglaubliche Mischung aus antiker Geschichte, beeindruckender Natur und herzlicher Gastfreundschaft. Ob du durch das Kleopatra-Tor in Tarsus schreitest, die 452 Stufen in die Himmelshöhle hinabsteigst oder die Mädchenburg im Meer bewunderst, hier erlebst du die Türkei von einer Seite, die die meisten Reisenden nie zu Gesicht bekommen.
Ich kann dir nur empfehlen, dieser Region eine Chance zu geben. Du wirst es nicht bereuen. Und wer weiß, vielleicht geht es dir wie mir und du planst deinen nächsten Besuch schon auf der Rückfahrt.
