Wenn mir jemand vor ein paar Jahren gesagt hätte, dass mich eine Stadt im äußersten Osten der Türkei so sehr begeistern würde, hätte ich wahrscheinlich ungläubig geschaut. Doch genau das ist passiert. Van hat mich mit seiner rauen Schönheit, dem unendlich weiten See und der unglaublichen Gastfreundschaft der Menschen dort komplett in seinen Bann gezogen.
Ich nehme dich heute dabei mit auf eine Reise in eine Region, die für die meisten Türkei-Urlauber noch völliges Neuland ist. Fernab der Touristenmassen an der Mittelmeerküste erwartet dich hier ein Stück authentische Türkei, das du so schnell nicht vergessen wirst. Vorab lass gesagt sein, dass Van zu den Orten gehört, die man einmal im Leben gesehen haben sollte.
Der Van-See: Türkeis größter See mit Superlativen
Der Van-See (türkisch: Van Gölü) ist mit einer Fläche von rund 3.740 Quadratkilometern der größte See der Türkei und gleichzeitig der größte Sodasee der Erde. Um dir eine Vorstellung zu geben: Seine Fläche entspricht etwa der siebenfachen Größe des Bodensees. Eingebettet zwischen schneebedeckten Bergen auf einer Höhe von rund 1.650 Metern liegt er wie ein riesiges, tiefblaues Juwel in der ostanatolischen Hochebene.
Was den Van-See so besonders macht, ist sein stark alkalisches, sodahaltiges Wasser. Baden kannst du hier wunderbar, denn das Wasser fühlt sich seidig weich auf der Haut an. Seife brauchst du übrigens nicht, das Wasser reinigt quasi von selbst. Im Sommer liegen die Wassertemperaturen bei angenehmen 20 bis 22 Grad, während andere Seen in der Region bereits viel zu warm sind.
Besonders schöne Badestellen findest du rund um die Ortschaft Edremit am Südufer des Sees. Hier gibt es kleine Strände und Cafés direkt am Wasser, wo du den Sonnenuntergang über dem See genießen kannst. Wenn du wissen möchtest, wann die beste Reisezeit für die Region ist, schau dir meinen Beitrag über das Reisewetter in der Türkei an.
Die Festung von Van: 3.000 Jahre Geschichte auf einem Felsen
Direkt am Ufer des Van-Sees erhebt sich majestätisch die Festung von Van (Van Kalesi) auf einem langen Felsrücken. Diese beeindruckende Anlage wurde im 9. Jahrhundert vor Christus von den Urartäern erbaut und war die Hauptstadt ihres mächtigen Reiches. Die Urartäer, falls du dich fragst, waren ein antikes Volk, das lange vor den Osmanen in dieser Region herrschte.
Von oben hast du einen atemberaubenden Panoramablick über den gesamten Van-See und die umliegenden Berge. Auf den Felswänden kannst du noch heute Keilschriftinschriften entdecken, die über 2.800 Jahre alt sind. Die UNESCO hat die Festung als historischen Nationalpark anerkannt, und beim Erkunden der Anlage wanderst du durch Schichten der Geschichte, von urartäischen Fundamenten über mittelalterliche Mauern bis hin zu osmanischen Ergänzungen.
Der Eintritt ist günstig und die Festung ist das ganze Jahr über zugänglich. Plane mindestens ein bis zwei Stunden ein und nimm unbedingt gute Schuhe mit, denn der Aufstieg über die Felsen kann rutschig sein. Van gehört übrigens auch zu den 25 schönsten Städten der Türkei.
Akdamar-Insel: Ein Juwel im Van-See
Eines der absoluten Highlights in Van ist die Akdamar-Insel (Akdamar Adası), die etwa 3 Kilometer vom Südufer des Sees entfernt liegt. Hier steht die berühmte Kirche zum Heiligen Kreuz, eine armenische Kirche aus dem 10. Jahrhundert, deren Außenwände mit den detailreichsten Steinreliefs geschmückt sind, die du in der gesamten Türkei finden wirst.
Die Überfahrt mit dem Boot dauert nur etwa 20 Minuten und allein die Fahrt über den türkisfarbenen See ist schon ein Erlebnis. Auf der Insel angekommen, kannst du die Kirche besichtigen, durch den kleinen Mandelhain spazieren und bei gutem Wetter sogar im kristallklaren Wasser des Sees schwimmen. Ich habe der Akdamar-Insel einen eigenen ausführlichen Beitrag gewidmet, den du unter Akdamar Island findest.
Die Boote fahren regelmäßig von der Anlegestelle in Gevaş ab. In der Hauptsaison (Juni bis September) legen sie etwa alle 30 Minuten ab. Rechne mit einer Hin- und Rückfahrt von etwa 50 bis 70 TL pro Person.
Das legendäre Van-Frühstück: Ein Fest für alle Sinne

Wenn es einen Grund gibt, allein wegen des Essens nach Van zu reisen, dann ist es das Van-Frühstück (Van Kahvaltısı). Lass mich dir verraten: Es ist nicht einfach nur ein Frühstück, es ist ein regelrechtes Festmahl, das in der gesamten Türkei legendär ist. In Istanbul gibt es sogar eigene Restaurants, die sich nur dem Van-Frühstück widmen.
Auf dem Tisch landen dutzende kleine Schälchen mit regionalen Spezialitäten. Der Star ist der Otlu Peynir, ein würziger Kräuterkäse, der mit Wildkräutern aus den Bergen rund um Van hergestellt wird. Dazu kommen Kavut (gerösteter Weizen mit Honig und Walnüssen), Murtuga (Rührei mit Butter und Mehl), frischer Honig mit Kaymak, verschiedene Marmeladen, Oliven, frisches Brot aus dem Steinofen und natürlich unzählige Gläser Çay.
Das ist nicht nur ein kulinarisches Erlebnis, es ist natürlich auch ein soziales Ereignis. Ein Van-Frühstück dauert gerne mal zwei bis drei Stunden und wird am besten mit der ganzen Familie oder mit Freunden genossen. Wenn du dich für die türkische Küche begeisterst, empfehle ich dir auch meinen Beitrag über türkisches Frühstück und die 20 besten türkischen Gerichte.
Die Van-Katze: Schwimmende Schönheit mit zwei verschiedenen Augen

Van ist nicht nur für seinen See und sein Frühstück berühmt, sondern auch für eine ganz besondere Katzenrasse: die Türkisch Van. Diese eleganten Katzen haben schneeweißes Fell mit farbigen Abzeichen nur an Kopf und Schwanz, und viele von ihnen haben zwei verschiedenfarbige Augen, eines blau und eines bernsteinfarben.
Das wirklich Besondere an der Van-Katze ist aber ihre Liebe zum Wasser. Während die meisten Katzen Wasser meiden, springt die Türkisch Van freiwillig hinein und schwimmt sogar gerne. Kein Wunder, dass sie auch als "Schwimmkatze" bekannt ist. In Van gibt es ein eigenes Katzenzentrum (Van Kedi Evi), wo du diese wunderschönen Tiere aus nächster Nähe beobachten kannst. Das Zentrum kümmert sich um den Erhalt der Rasse, die als Nationaltier der Region gilt.
Der Besuch des Katzenzentrums ist kostenlos und besonders für Familien mit Kindern ein tolles Erlebnis. Du findest es in der Nähe der Van-Festung.
Muradiye-Wasserfälle: Naturschauspiel östlich von Van
Etwa 80 Kilometer nordöstlich von Van liegen die Muradiye-Wasserfälle (Muradiye Şelalesi), die zu den schönsten Naturschauspielen der Region gehören. Der Hauptwasserfall stürzt rund 18 Meter in die Tiefe und bietet zusammen mit der umliegenden grünen Schlucht ein beeindruckendes Panorama.
Es gibt mehrere Aussichtsplattformen, von denen du die Wasserfälle sowohl von oben als auch von unten betrachten kannst. Von der unteren Plattform führt ein leichter Wanderweg zu drei weiteren kleineren Wasserfällen, die weniger besucht sind und fast schon etwas Magisches haben. Im Winter gefrieren die Wasserfälle bei Temperaturen von bis zu minus 30 Grad zu spektakulären Eisskulpturen.
Am Eingang gibt es einen Parkplatz sowie Picknickplätze und ein kleines Café. Die Muradiye-Wasserfälle liegen auf der Strecke zwischen Van und Doğubayazıt, wo sich auch der imposante Ishak Pascha Palast und der legendäre Berg Ararat befinden. Du kannst sie also perfekt in eine Rundreise durch Ostanatolien einbauen.
Praktische Tipps für deine Reise nach Van
Damit dein Trip nach Van reibungslos verläuft, habe ich dir die wichtigsten Infos zusammengestellt:
- Anreise: Van hat einen eigenen Flughafen (Van Ferit Melen Havalimanı) mit Direktflügen aus Istanbul, Ankara und Izmir. Turkish Airlines und Pegasus fliegen regelmäßig. Alternativ kannst du auch mit dem Auto anreisen, mehr dazu in meinem Beitrag über Autofahren in der Türkei.
- Beste Reisezeit: Juni bis September. Die Winter sind lang und sehr kalt mit viel Schnee. Im Hochsommer (Juli/August) ist es angenehm warm, aber nicht so drückend heiß wie an der Mittelmeerküste.
- Unterkunft: Im Stadtzentrum von Van gibt es mehrere gute Hotels in verschiedenen Preisklassen. Besonders empfehlenswert sind Hotels mit Seeblick in Edremit.
- Fortbewegung: Ein Mietwagen ist die beste Option, um die Sehenswürdigkeiten rund um den Van-See flexibel zu erkunden. Alternativ gibt es lokale Dolmuş-Minibusse.
- Sicherheit: Van liegt in einer erdbebenaktiven Zone. Informiere dich vor deiner Reise über die aktuelle Lage in meinem Beitrag zu Erdbeben in der Türkei.
- Aufenthaltsdauer: Plane mindestens drei bis vier Tage ein, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten in Ruhe zu erleben.
Mein Fazit: Warum du Van unbedingt besuchen solltest
Van ist einer dieser Orte, die dich demütig machen. Die schiere Weite des Sees, die jahrtausendealte Geschichte der Festung, das herzliche Lächeln der Menschen und dieses unfassbar gute Frühstück. Das alles zusammen macht Van zu einem der wertvollsten Geheimtipps, die ich dir für die Türkei geben kann.
Die Region ist noch weitgehend unberührt vom Massentourismus, und genau das macht ihren besonderen Reiz aus. Hier erlebst du die Türkei in ihrer ursprünglichsten Form. Ob du nun durch die Gassen des alten Basars schlenderst, auf der Akdamar-Insel die Stille genießt oder bei einem üppigen Van-Frühstück den Tag beginnst: Van wird einen bleibenden Eindruck bei dir hinterlassen.
Spoiler Alert: Drei bis vier Tage sind wirklich das Minimum. Am besten kombinierst du Van mit einem Abstecher nach Doğubayazıt zum Ishak Pascha Palast und zum Berg Ararat. So wird deine Ostanatolien-Rundreise zu einem unvergesslichen Abenteuer.
